Flussbefahrungen in Marokko dürfen nicht nur aus der Sicht des Wildwasserkanuten gesehen werden. Es ist vielmehr ein Sprung nach Afrika und in den Orient zugleich. Marokko ist immerhin das Land was sich seinem Besucher wohl als das orientalischste zeigt.
Wo sonst sieht man noch Frauen und junge Mädchen, die Wäsche im Fluss waschen. Kinder, die nie ein Boot zuvor gesehen haben und hunderte von Metern neben einem den Fluss entlang laufen, oder aber wie wir es ebenfalls einmal erlebten, mit Steinen nach einem werfen.
So gegensätzlich wie das Verhalten der Kinder ist das Land selbst. Marokko ist ein kaltes Land mit einer heißen Sonne. Im hohen Atlas (lbel Toubkal 4167 m), wo das ganze Jahr über Schnee liegt, entspringt aus einer Grotte der Oued Dadés, durchfliesst mehrere tiefe Schluchten und wird zum Stausee von Ouarzazate aufgestaut. Ab hier heisst er Oued Drâa und fliesst in die Sahara, wo er südlich von Zagora versiegt.
Der Oued Dadés kann von Msemrir auf 120 Kilometern Länge durchgehend bis Sidi-Flah, wo ein militärisches Sperrgebiet beginnt, befahren werden. Bei starker Wasserführung ist eine Weiterfahrt auf dem Oued Drâa ab dem Stausee, dem Ende des Sperrgebietes, möglich. Die ersten 60 bis 70 Kilometer dürften für den an Schluchten und leichtem Wildwasser interessierten Kanuten am interessantesten sein. Das "Kriterium des Oued Dadés" - eine zwei Meter hohe Stufe - liegt am Ende dieser Teilstrecke und dürfte mit Wildwasser III bewertet werden.
Der Reiz einer Befahrung auf solch einer Länge liegt in dem Miterleben, wie der Fluß wächst und sich stetig verändert. Der Oued Dadés rührt sein Schmelzwasser, welches aufgrund des weichen Bodens eine tiefbraune Farbe hat, durch drei bis zu 300 Meter tiefe Schluchten. Das Wasser ist eiskalt und die uferbegrenzende Vegetation mager. Je weiter man in die flacheren Regionen kommt, desto mehr nimmt die Vegetation zu. Der Fluss gleicht einer unendlich erscheinenden Oase, ein grüner Gürtel begleitet die Ufer. Das Wasser hat sich aufgewärmt, so dass Frösche, Schildkröten und Schlangen den Fluss leben lassen. Nun stehen Palmen entlang unseres Weges, welche vor dem in der Ferne erscheinenden schneebedeckten Atlas unglaubwürdig erscheinen. Der als Sichel liegende, zwischen Palmensilhouetten aufgehende Mond leuchtet in eine unwirklich wirkende Nacht.
Einsatz: Msemrir
Aussatz: Sidi-Flah, oder beliebig oberhalb.
Fahrstrecke: ca. 120 Kilometer.
Schwierigkeit: Wildwasser I bis II (eine Stelle Wildwasser III+).
Befahrungszeit: Am besten im Frühjahr, evtl. auch später noch möglich.
Die HKN-Specials, eine Reihe von Beschreibungen (ehemals) recht unbekannter Flüsse, werden in loser Folge fortgesetzt. Der Stand der Beschreibungen ist im jeweiligen Special angegeben. Örtliche Gegebenheiten und Schwierigkeitsangaben können sich mittlerweile geändert beziehungsweise relativiert haben.