Zentral-Jugoslawien ist ein zum Wanderpaddeln einmaliges Land. Seine Hydrostruktur ist sehr seltsam: durch das verkarstete, poröse Grundgestein versickert das Regenwasser sofort in Dolinen, fließt durch unterirdische Höhlen über lange Strecken und tritt dann irgendwo als große Karstquelle wieder zu Tage. In den Flußtälern haben sich nur wenige Bauern angesiedelt, die unsystematisch ausgebauten Straßen verlaufen meist weit entfernt über die Hochebenen. Die Flüsse sind, zumindest in ihren Oberläufen, biologisch intakt und absolut unverbaut, allerdings oftmals auch nur über strapaziöse, stundenlange Feldwege erreichbar.
Die Römer nannten sie "Una", die Einzige. Und sie hat über 2000 Jahre lang ihre einzigartige Schönheit behalten, besonders für denjenigen, der versucht, sie auf einer mehrtägigen Paddeltour zu erleben. Für ein Ganzheitserlebnis lohnt eine etwa 15 Min. lange Wanderung zu ihrem Ursprung. Hier, bei Donja Suvaja, entspringt die Una aus einem geheimnisvollen, milchig-blauen Quelltopf umrahmt von Alpenveilchen. Bis zum Örtchen Suvaja tobt sie sich aus, an der Straßenbrücke steigen wir dann in unsere vollgepackten Boote. Um die Una zu entdecken, muß man Zeit haben, Zeit um in einem Kehrwasser zu spielen, den zahllosen großen Fischen zuzugucken, die kleinen Wasserfälle zu fotografieren, sich an eine sonnenbadende Schildkröte heranzuschleichen und auf einer idyl±schen Grasinsel Rast zu machen. Dann kann man die Natur, ihre Ruhe und Ursprünglichkeit regelrecht spüren. Eindrucksvoll ist auch der Abend am Fluß, wenn die allgegenwärtigen Grillen von den Fröschen abgelöst werden, die uns mit ihrem Konzert in den Schlaf begleiten. Man träumt vielleicht vom großem Fluß und daß es auch bei uns einmal so schön gewesen sein muß, nur ist das schon sehr lange her...
Von Suvaja bis Martinbrod ist die Una überwiegend nur schwach strömend. Ich habe allerdings noch nie so viele Fische in einem Fluß gesehen wie hier, die Landschaft ist absolut unberührt. Kurz vor Martinbrod endet der Zauber, ein paar Stufen kündigen den rund 10 Meter hohen ersten Unafall an und rufen uns zum Ernst des Lebens zurück. Der Fall scheint nicht fahrbar. Am einfachsten für den Anfßnger ist es, weiträumig rechts zu umtragen und erst 100 Meter später an einer kleinen Brücke wieder einzusteigen. Ich habe mir den Fall mit vollgepacktem Wanderkajak nicht zugetraut, bin aber direkt danach wieder eingestiegen. Die anschließende wuchtige Doppelstufe hat mich dann doch tatsächlich überschlagen. Ab der kleinen Brücke folgen sehr hübsche und, wenn man die richtige Route fährt, unschwierige Kalktuffrutschen. Das ist überhaupt das Besondere an den jugoslawischen Wanderbächen: In dem kalkhaltigen Wasser bilden sich natürliche Wehre und Wasserfälle. Diese können vereinzelt sehr hoch wachsen, da den Flüssen jedoch das Gefälle fehlt, bildet sich ein Rückstau, der den weiter flußauf liegenden Fall niedriger werden läßt. Das Wasser steht meist bis zur Abbruchkante, so daß man in aller Ruhe entscheiden kann, wo man hinunter will. Je nachdem, ob man dann seitlich oder im Hauptstrahl fährt, sind sie einfach bis extrem brutal, WW 1 bis WW VI (und darüber!) gleichzeitig, nebeneinander auf ein und demselben Bach. Der Strbacke Buk ist mit 30 Metern die absolut höchste dieser Tuffstufen, er kündigt sich durch einen entsprechend langen Rückstau an. Vorsicht jedoch vor der Abbruchkante, unbedingt weit genug vorher rechts anlanden und umtragen! Wieder kann man direkt danach oder erst 100 Meter später einbooten. Es beginnt eine lange abgeschiedene Schlucht mit herrlichem, für Zentraljugoslawien untypischem Wildwasser. Flotte Strömung, wuchtige Schwälls, schöne Kehrwasser, kurz: ein ideales Übungsgelände für die Freundin. Erst gegen Ende gelangt man wieder an mehrere etwa meterhohe Kalktuffstufen, die im Hauptstrahl zu fahren wirklich eine Herausforderung sind. Leider sind dazwischen oftmals lange, stehende Abschnitte zu "durchackern", was dann wirklich an die Kraft geht. Wir haben deshalb in Ripac aufgehört und sind von der Bushaltestelle an der Straßenbrücke nach Suvaja zurückgefahren. Typisch jugoslawisch: An einer Kneipe hält der Bus plötzlich. 10 Minunten, so erfahren wir, hat man Zeit, etwas zu trinken. Der Busfahrer bekommt sein Bier dafür gratis. Danach hupt er dreimal kräftig, alles steigt ein und weiter geht es mit atemberaubendem Tempo. Savoir Vivre auf jugoslawisch!
Einsatz: Straßenbrücke Donja Suvaja
Aussatz: Ripac oder weiter flußab (Siehe DKV-Führer)
Fahrstrecke: 70 km, mindestens 2 Tage. Ideal für Anfänger mit Führung.
Schwierigkeit: Wildwasser I bis II.
Tipps: Autobegleitung ist nicht möglich. Umsetzen günstig mit Bus oder Eisenbahn. Essen gehen, z.B. in Kulen Vakuf, ist in Ex-Jugoslawien billiger als Lebensmittel mitzubringen. Als Landkarten eignen sich die österreichischen Aufzeichungen von 1918 in Verbindunu mit einer modernen Straßenkarte.
Die HKN-Specials, eine Reihe von Beschreibungen (ehemals) recht unbekannter Flüsse, werden in loser Folge fortgesetzt. Der Stand der Beschreibungen ist im jeweiligen Special angegeben. Örtliche Gegebenheiten und Schwierigkeitsangaben können sich mittlerweile geändert beziehungsweise relativiert haben.